FBJ - Freiwilliges Berufsorientierungsjahr
Böblingen/Magstadt, 13.08.2025
Vorwort:
In einer Berufswelt, die von einem ständigen Wandel geprägt ist, stehen junge Menschen, um ihren künftigen Platz in der Arbeitswelt zu finden, vor einer großen Herausforderung. Der Weg von der Schule über die duale Ausbildung oder das Studium bis hin zum Berufsleben ist nicht immer geradlinig und oft voller Hindernisse. Statistiken zeigen, dass Schul-, Berufsausbildungs- und Studienabbrüche keine Seltenheit sind, sondern vielmehr ein Spiegelbild der Komplexität von Entscheidungsprozessen. Es ist eine Realität, die nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für unsere Gesellschaft als Ganzes, erhebliche Konsequenzen mit sich bringt. Mit diesem Bewusstsein rufen wir unser Pilotprojekt ins Leben. Ein Vorhaben, das darauf abzielt, Menschen nachhaltig in die duale Ausbildung zu bringen, Berufsausbildungsabbrüche zu minimieren oder bereits im Vorfeld zu vermeiden. Ebenso, dass jenen, die bereits einen Ausbildungs- oder Studienabbruch hinter sich haben eine neue Perspektive geboten wird.
Der Ansatz von dem geplanten Projekt ist es, eine variable Art der Berufsorientierung zu schaffen. Unser Ziel ist hierbei nicht nur eine Berufsorientierung zu bieten, sondern auch ein Netzwerk von Unterstützung und Möglichkeiten zu schaffen. Dies soll jungen Menschen helfen, ihren eigenen Weg in ein aussichtsreiches Berufsleben zu gehen. Dabei soll vor allem auch die Attraktivität und Wertigkeit einer dualen Ausbildung vermittelt werden, welche mitunter eine gute Startbasis für eine erfolgreiche Berufskarriere ist.
Das Pilotprojekt fundiert hauptsächlich auf den Stützen der regionalen Handwerksverwaltung und den interessierten Unternehmen aus unserer Region – zunächst aus dem Bereich der handwerklichen Berufe (siehe Pilotbeschreibung). Hierbei wird das Projekt nicht nur den uns angeschlossenen Innungsbetrieben vorbehalten sein, sondern auch Nichtinnungsmitgliedern und Dritten (z.B. Handwerksähnliche Berufe).
Zur Landingpage des FBJ geht es hier.
Bei den bislang geleisteten Projekt-Präsentationen stößt unser Projekt FBJ bislang ausnahmslos auf Befürworter und Unterstützer. Wir danken daher allen, die dieses Projekt unterstützen - insbesondere Herrn Jörg Veith von der EB Gruppe, unseren Ehrenamtsträgern und den Mitgliedern des Landtags Baden-Württemberg Clara Resch, Felix Herkens und Peter Seimer vom Bündnis 90 - Die Grünen.
Mit freundlichem Gruß - Thomas Wagner
Ideengeber 1-teiliges Freiwilliges Handwerksjahr: Jörg Veit
Ideengeber Mehrteiliges Freiwilliges Berufsorientierungsjahr: Thomas Wagner
Basisdaten und Potentialanalyse
Basisdaten- und Potentialanalyse:
Von Seiten der der Kreishandwerkerschaft Böblingen erfolgte im Vorfeld eine Basisdaten- und Potentialanalyse. Die nachfolgenden Daten wurden ermittelt. Die dazugehörigen Quellenhinweise finden sich am Ende der Analyse.
Schulabgang ohne Schulabschluss:
Die Schulabgangsquoten, ohne mind. einen Hauptschulabschluss, lag in Baden-Württemberg im Jahr 2024 bei 7,4%(1), in der Region Stuttgart bei 7,3%(1) und im Landkreis Böblingen bei 7,1%(1). Diese Quoten sind nicht nur ein Indikator für individuelle Bildungsherausforderungen, sondern auch für größere sozioökonomische Probleme, die mit fehlenden Qualifikationen einhergehen. Ohne Schulabschluss stehen diese jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt vor erheblichen Hindernissen und haben ein höheres Risiko für soziale Ausgrenzung und Armut.
NEET-Quote:
Aktuelle Statistiken weisen darauf hin, dass die NEET-Quote (Not in Employment, Education, or Training) in Baden-Württemberg im Jahr 2023 bei 6,6% (2) lag und derzeit tendenziell ansteigt. Im Jahr 2022 lag die Quote noch bei 5,2%(2). Für den Raum Stuttgart gibt es Schätzungen, die darauf verweisen, dass die Werte in der Region Stuttgart etwas niedriger sind. Dies bedeutet trotzdem, dass auch in der Region Stuttgart ein erheblicher Anteil junger Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren weder in einer Ausbildung noch in einem Beschäftigungsverhältnis stehen oder eine Bildungseinrichtung besuchen. Diese Situation ist nicht nur für die betroffenen Individuen problematisch, die wichtige Entwicklungsmöglichkeiten und den Einstieg in das Berufsleben verpassen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Sie führt zu langfristigen negativen Konsequenzen für die Wirtschaftskraft und den sozialen Zusammenhalt.
Vertragslösungsquote im Handwerk:
In der Region Stuttgart konfrontiert uns im Handwerk die aktuelle Vertragslösungsquote (Jahr 2024) von 37% (3). Diese „stark angestiegene Quote“ reflektiert den Prozentsatz der Ausbildungsverhältnisse, die vorzeitig gelöst, also abgebrochen wurden (die Ausbildungsabbruchquote) oder wo der Ausbildungsbetrieb gewechselt wurde. Dieses Phänomen wirft ein Licht auf verschiedene Problembereiche innerhalb des Ausbildungssystems sowie auf die Diskrepanz zwischen den Erwartungen und der Realität – sowohl von Auszubildenden als auch von Ausbildungsbetrieben.
Ausbildungsabbruchquote:
In der Region Stuttgart war man anteilig im Handwerk im Jahr 2024 mit einer Ausbildungsabbruchsquote von ca. 18,0 % - 20,0 % (3) konfrontiert. Diese Quote spiegelt den Anteil der Auszubildenden wider, die ihre berufliche Ausbildung vorzeitig komplett beenden.
Studienabbrecherquote:
Die Studienabbrecherquote betrug im Jahr 2020 bundesweit an den Universitäten bei den Bachelorstudiengängen 35%(4) und den Masterstudiengängen 20%(4). An den Fachhochschulen bei den Bachelorstudiengängen 20%(4) und den Masterstudiengängen 23%(4).
Laut einer DZHW-Studie aus dem Jahr 2017 betrug sie in Baden-Württemberg bei den Bachelorstudiengängen 18%(5) und den Masterstudiengängen 35%(5). Diese ebenfalls hohen Quoten der Studiengänge sind ein Indikator für strukturelle und individuelle Probleme innerhalb des Hochschulsystems und weist mitunter auch hier auf ein Missverhältnis zwischen den Erwartungen der Studierenden und der Realität des Studienalltags hin – sowie der Berufsorientierungsproblematik im Allgemeinen.
Quellenangaben zu den statistischen Zahlen:
(1) Statistisches Landesamt BW (2) Statistisches Landesamt BW – Baden-Württemberg ein Standort im Vergleich, (3) Handwerkskammer der Region Stuttgart, (4) Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und (5) DZHW-Studie.
Zielsetzung
Zielsetzung:
Zielgruppe des Pilotprojekts:
- Abgänger der allgemein Bildenden Schulen, die ihre Berufsorientierung noch nicht abgeschlossen haben.
- Ausbildungsabbrecher.
- Studienabbrecher.
- Junge Erwachsene die dem NEET-Bereich zuzuordnen sind.
Ziele des Pilotprojekts:
- Eine Berufsorientierung durch mehrere Langzeitpraktika im Vorfeld der Berufswahl mit dem grundsätzlichen Ziel der Minimierung der Ausbildungslösungs- und/oder Abbrecherquoten.
- Eine Berufsorientierung durch mehrere Langzeitpraktika für Ausbildungsabbrecher und Studienabbrecher, mit dem Ziel der Akquise des vorab genannten Personenkreises für den Ausbildungs- und daraus resultierenden Weiterbildungsmarkt.
- Eine Berufsorientierung durch mehrere Langzeitpraktika für den Personenkreis die dem NEET-Bereich zuzuordnen ist, mit dem Ziel der Akquise des vorab genannten Personenkreises für den Ausbildungs- und daraus resultierenden Weiterbildungsmarkt.
Zielwerte:
Im Landkreis Böblingen sind Stand 31.12.2024 „4270 Handwerksunternehmen“ (1) der Kategorien A, B1 und B2 beheimatet. Nicht alle Unternehmen davon sind ausbildungsberechtigt. Ca. 470 dieser Handwerksunternehmen bilden derzeit regelmäßig im Landkreis Böblingen aus (aktuell 472 Co.) (1).
Die Zielwertvorgaben für die beiden Projektjahre sind auf moderater Basis wie folgt geplant.
Für das erste Projektjahr (15.08.2025 – 14.08.2026) ist das Ziel, dass an mindestens 70 Praktikumsplatzstandorten im Landkreis Böblingen Praktika angeboten werden. Im zweiten Projektjahr (15.08.2026 – 14.08.2027) zusätzlich an 70 weiteren Standorten. Stand 15.07.2025 gibt es von Seiten der Unternehmen bereits ohne Bewerbung und öffentlichkeitswirksame Maßnahmen für 40 Praktikumsplatzstandorte Interessensbekundungen.
Für das erste Projektjahr (15.08.2025 – 14.08.2026) ist das moderate Ziel, dass mindestens 30 Praktikanten, im Folgezeitraum (15.08.2026 – 14.08.2027) mindestens 35 Praktikanten bis zu 4 Praktika absolvieren.
Recherchierte Werte besagen, dass der Klebeeffekt bei Kurzpraktika (1-2 Wochen) bei ca. 30-50% liegt. Bei Langzeitpraktika mit strukturierter Begleitung bei ca. 40-60%. Von Seiten der Kreishandwerkerschaft schätzen wir die Lage wie folgt ein. Aufgrund des Standortes (Landkreis Böblingen), den Alternativen (IHK-Berufe und Gesundheitsberufe) und der wirtschaftlichen Situation im Automotive-Bereich halten wir einen Klebeeffekt von ca. 40-50% für realisierbar.
Unsere moderate Planung wurde bewusst veranschlagt, denn die Finanzierung des Projekts ist so aufgebaut, dass mit jedem weiteren teilnehmenden Unternehmen und jedem weiteren erfolgreich belegten Praktikumsplatz die verfügbaren Finanzmittel in ausreichendem Maß zunehmen.
Unsere Erwartungshaltungen liegen höher.
Evaluierungsprozesse
Das Projekt FBJ unterliegt der permanenten Evaluierung. Notwendige Anpassungen können nicht ausgeschlossen werden.
Quellenangaben zu den statistischen Zahlen:
(1) Handwerkskammer der Region Stuttgart.
Attraktivität einer dualen Ausbildung - Wertevermittlung
Wertevermittlung:
Grundsätzlich bedarf es im Zuge einer qualifizierten Berufsorientierung der Vermittlung der Attraktivität und Wertigkeit einer dualen Berufsausbildung. Sowohl bei den Personen, die den Korridor der Berufsorientierung aktiv durchlaufen als auch bei den Mitentscheidern wie z.B. den Eltern, Großeltern, den Lehrkräften an den allgemeinbildenden Schulen und vielen mehr.
Es bedarf zwingend der besseren sozialen Anerkennung dieser Art der beruflichen Bildung, denn eine duale Ausbildung bietet zahlreiche Vorteile, sowohl auf persönlicher als auch auf beruflicher Ebene. Hier sind einige der wichtigsten Gründe, warum eine Ausbildung wertvoll ist:
- Berufliche Qualifikation: Eine Ausbildung vermittelt spezifisches Fachwissen und praktische Fähigkeiten in einem bestimmten Berufsfeld.
- Einkommen: Personen mit einer abgeschlossenen Ausbildung haben in der Regel bessere Chancen auf ein höheres Einstiegsgehalt.
- Karrierechancen und Aufstiegsmöglichkeiten: Mit einer abgeschlossenen Ausbildung stehen oft mehr Türen offen, sowohl für den Einstieg in den Arbeitsmarkt als auch für weitere Karriereschritte è siehe Weiterbildungsmöglichkeiten auf der Folgeseite.
- Arbeitsplatzsicherheit: Fachkräfte, die eine spezialisierte Ausbildung absolviert haben, sind oft weniger von Arbeitsplatzverlusten betroffen, da ihre Fähigkeiten und Kenntnisse gefragt sind.
- Netzwerkaufbau: Während einer Ausbildung knüpft man Kontakte zu Lehrkräften, Ausbildern und Mitlernenden, die wertvolle Bestandteile eines beruflichen Netzwerks werden können.
- Persönliche Entwicklung: Eine Ausbildung fördert nicht nur fachliche, sondern auch überfachliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Problemlösungsfähigkeiten und Selbstmanagement.
- Gesellschaftlicher Beitrag: Mit einer Ausbildung erhält man die Möglichkeit, einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Fachkräfte sind in vielen Sektoren essenziell für das Funktionieren und die Weiterentwicklung der Gesellschaft.
- Flexibilität und Mobilität: Viele Ausbildungsberufe bieten die Möglichkeit, in verschiedenen Branchen, Unternehmen und sogar Ländern zu arbeiten. Dadurch erhöht sich die Flexibilität und Mobilität auf dem Arbeitsmarkt.
Eine Ausbildung ist somit eine Investition in die Zukunft, die eine Grundlage für den beruflichen Erfolg bietet.
Fort- und Weiterbildungsbildungsmöglichkeiten nach der Ausbildung
Fort-/ Weiterbildungsmöglichkeiten:
Im Bereich der dualen Ausbildung gibt es vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten, die Fachkräften ermöglichen, ihre Fähigkeiten zu erweitern, sich auf spezialisierte Tätigkeiten zu konzentrieren oder in ihrer beruflichen Laufbahn aufzusteigen. Der Deutsche Qualifizierungsrahmen (DQR) stellt mitunter die Wertigkeit solcher Maßnahmen dar.
Nachfolgend einige der gängigsten Weiterbildungsoptionen im Handwerk:
- Meisterkurs: Die Meisterweiterbildung ist eine der bekanntesten und angesehensten Formen der beruflichen Weiterbildung im Handwerk. Sie befähigt zur Führung eines eigenen Betriebs, zur Ausbildung von Lehrlingen und bietet fundierte Kenntnisse in Betriebsführung, Recht und Fachtheorie. Der erfolgreiche Abschluss wird mit dem Meisterbrief belohnt.
- Techniker: Handwerkstechniker spezialisieren sich in einem bestimmten Bereich und erlangen fortgeschrittene technische Kompetenzen. Diese Weiterbildung ermöglicht es, in Planung, Entwicklung und Fertigungsprozesse involviert zu sein und oft auch Führungspositionen zu übernehmen.
- Spezialisierungslehrgänge: Viele Handwerkskammern, Bildungseinrichtungen und Unternehmen bieten Weiterbildungskurse an, die auf spezielle Techniken oder neueste Technologien in einem Handwerksberuf ausgerichtet sind. Diese Lehrgänge ermöglichen es Handwerkern, ihre Fertigkeiten zu vertiefen und auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben.
- Betriebswirt des Handwerks: Diese Weiterbildung richtet sich an Handwerker, die sich im kaufmännischen Bereich weiterbilden möchten. Sie vermittelt umfassende Kenntnisse in Betriebsführung, Marketing, Rechnungswesen und weiteren relevanten Bereichen für die Leitung eines Handwerksbetriebs.
- Studium: Einige Handwerker entscheiden sich für ein Studium, um ihre Kenntnisse zu erweitern. Dies kann z.B. ein Studium sein, das auf den erlernten Handwerksberuf aufbaut, oder ein betriebswirtschaftliches Studium, das auf Managementaufgaben vorbereitet.
- Ausbilderqualifizierung (AdA-Schein): Mit dieser Weiterbildung können Handwerker die Befähigung erlangen, Lehrlinge auszubilden. Sie vermittelt pädagogische Grundlagen und ist eine wichtige Voraussetzung, um als Ausbilder im eigenen Betrieb oder in der beruflichen Bildung tätig zu sein.
Diese Weiterbildungsmöglichkeiten bieten ausgebildeten Fachkräften die Chance, ihre Karriere voranzutreiben, ihre Einkommensmöglichkeiten zu verbessern und auf Veränderungen in ihrer Branche zu reagieren. Die Wahl der richtigen Weiterbildung hängt von den persönlichen Karrierezielen, dem Interessengebiet und den Anforderungen des jeweiligen Berufs ab.
Der Deutsche Qualifizierungsrahmen (DQR)
Der Deutsche Qualifizierungsrahmen (DQR):
Mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) gibt es zur Darstellung der Bildung ein geeignetes Instrument zur Einordnung der Qualifikationen des deutschen Bildungssystems. Er soll zum einen die Orientierung im deutschen Bildungssystem erleichtern und zum anderen zur Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa beitragen. Um transparenter zu machen, welche Kompetenzen im deutschen Bildungssystem erworben werden, definiert er acht Niveaus. Diese entsprechen den acht Niveaus des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR). Der EQR dient als Übersetzungsinstrument, um nationale Qualifikationen europaweit besser verständlich zu machen.
Eine duale Ausbildung ist wesentlich attraktiver und wertiger als ihr Ruf und die Karrieremöglichkeiten sind vielseitig. Dieser Wissenstransfer muss (wieder) in die Köpfe der Berufsinteressierten und Mitentscheider.
Pilotprojektbeschreibung
Pilotprojektbeschreibung – FJ BOdual
Mögliche Langzeitpraktika-Varianten:
Variante 4 x 3:
Berufsinteressierte haben die Möglichkeit in einem Jahr in vier unterschiedlichen Unternehmen jeweils ein 3-Monate dauerndes Langzeitpraktika zu absolvieren. Es muss sich dabei um unterschiedliche Berufsbilder handeln. Artverwand können die Berufsbilder sein è z.B. Dachdecker, Fensterbauer, Schreiner/Tischler und Zimmermann (Holzberufe).
Variante 3+1 x 3:
Berufsinteressierte haben die Möglichkeit in einem Jahr in drei unterschiedlichen Unternehmen jeweils ein 3-Monate dauerndes Langzeitpraktika zu absolvieren. Ein Quartal steht dem Berufsinteressierten anderweitig zur Verfügung. Z.B. für die persönliche Weiterbildung, für Auslandsreisen in Eigenregie, usw..
Alternative Varianten:
Berufsinteressierte haben die Möglichkeit auch nur ein oder zwei Praktikumsstationen zu durchlaufen.
Betriebswechsel:
Betriebswechsel sollten während der Vertragslaufzeit vermieden werden.
Vertragswesen:
Praktikavertrag:
Zwischen den teilnehmenden Unternehmen und den Berufsinteressierten werden Einzelverträge geschlossen. Ein Unternehmen kann in einem Quartal max. mit einem Langzeitpraktikanten einen Praktikumsvertrag abschließen. Ein Vertragsabschluss kann vom Berufsinteressierten nicht erzwungen werden. Ein Muster-Praktikumsvertrag wird zur Verfügung gestellt.
Probezeit, Abbruch und Kündigung:
Berufsinteressierte haben jederzeit die Möglichkeit, bereits vereinbarte Praktikumsverträge entsprechend der nachfolgenden Beschreibung zu kündigen. So soll sichergestellt sein, dass im Falle einer frühzeitigen Berufsauswahl des Praktikanten ein möglichst frühzeitiger Wechsel in ein Ausbildungsverhältnis möglich ist.
Vor Beginn des Praktikums kann der Praktikumsvertrag jederzeit ohne Einhalten einer Kündigungs-frist und ohne Angabe von Kündigungsgründen gekündigt werden.
Innerhalb der zweiwöchigen Probezeit kann der Praktikumsvertrag jederzeit ohne Einhalten einer Kündigungsfrist und ohne Angabe von Kündigungsgründen gekündigt werden.
Nach Ablauf der Probezeit kann der Praktikumsvertrag nur gekündigt werden
(a) aus einem wichtigen Grund ohne Einhalten einer Kündigungsfrist,
(b) vom Praktikanten mit einer Kündigungsfrist von zwei Wochen ohne Angabe von Kündigungsgründen.
(c) vom Praktikumsbetrieb mit einer Kündigungsfrist von zwei Wochen ohne Angabe von Kündigungsgründen.
Urlaubsregelung:
In jedem Langzeitpraktikum stehen dem Berufsinteressierten mtl. 2,5 Tage Urlaub je Praktikumsmonat zu. Daraus ergibt sich je Langzeitpraktikum (Dauer 3 Monate) ein Urlaubsanspruch von 7,5 Tagen. Beim Abbruch von einem Praktikum regelt sich der Resturlaubsanspruch nach dem Bundesurlaubsgesetz (BUrlG). Zu viel genommener Urlaub kann nicht zurückgefordert werden.
Mindestalter (Alter):
Das Mindestalter des Berufsinteressierten zur Absolvierung von einem Freiwilligen Berufsorientierungsjahr beträgt 16 Jahre. Den Praktikumsanbietern ist es freigestellt, das Mindestalter an die Erreichung der Volljährigkeit zu binden.
Schulpflicht:
Minderjährige können im Landkreis Böblingen bei den nachfolgenden Schulen von der Berufsschulpflicht befreit werden:
- Kaufmännisches Schulzentrum Böblingen, Steinbeisstraße 2, DE-71034 Böblingen.
- Berufliches Schulzentrum Leonberg, Fockentalweg 8, 71229 Leonberg.
- Gottlieb-Daimler-Schule 1, Neckarstraße 22, DE-71065 Sindelfingen.
- Gottlieb-Daimler-Schule 2, Böblinger-Straße 73, DE-71065 Sindelfingen.
Dies ist mit den Schulleitungen abgestimmt. Die Antragsstellung läuft über die Kreishandwerkerschaft Böblingen.
Vergütung:
Da ein Langzeitpraktikum freiwillig ist und maximal 3 Monate dauert, besteht keine Pflicht zur Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns. Der Berufsinteressierte erhält vom Praktikumsanbieter eine mtl. Aufwandsentschädigung in Höhe von derzeit 500,00 EUR.
Versicherungen / Versicherungsschutz:
Arbeitslosen-, Kranken-, und Rentenversicherung:
Arbeitslosenversicherung:
Der Berufsinteressierte zahlt bei einer Höhe der Aufwandsentschädigung von 500,00 EUR nicht in die Arbeitslosenversicherung ein und hat keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.
Haftpflichtversicherung:
Der Berufsinteressierte benötigt eine private Haftpflichtversicherung.
Rentenversicherung:
Der Berufsinteressierte zahlt bei einer Höhe der Aufwandsentschädigung von 500,00 EUR in die Rentenversicherung (derzeit ca. 3,6 %) ein. Er kann sich von der Rentenversicherung schriftlich befreienlassen.
Unfallversicherung:
Die Berufsinteressierten sind über die Praktikumsanbieter unfallversichert.
Sondervereinbarung:
Eine höhere Aufwandsentschädigung in Form von Sonderzahlungen wird dem Berufsorientierenden eventuell zugestanden. Die Deckelung einer höheren Aufwandsentschädigung ergibt sich aus der gesetzlichen Höchstgrenze, die im Jahr 2025 bei 644,00 EUR liegt. Die Prüfplicht der sozialversicherungs- und steuerrechtlichen Auswirkungen obliegt ggf. dem Praktikumsanbieter.
Sonstige Hinweise und Vermerke:
Kindergeldanspruch:
Ein Kindergeldanspruch bis zu 12 Monaten besteht, wenn der Berufsinteressierte nachweist, dass er mit seinem Praktikum einen deutlich ausgeführten Bezug zum angestrebten Beruf hat. Hierzu erhält der Berufsinteressierte nach der Beendigung seines Praktikums eine Teilnahmebestätigung.
Ausbildungsknigge:
Die Kreishandwerkerschaft Böblingen bietet den Praktikanten ein Workshopangebot in Form eines Ausbildungsknigges an. Dieser Workshop dient den Praktikanten als Leitfaden für korrektes Verhalten im Berufsalltag speziell für Auszubildende. Er soll jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern und ihnen Orientierung geben, wie sie sich im Betrieb und gegenüber Vorgesetzten, Kollegen, Kunden und Geschäftspartnern angemessen verhalten.
Berichtsheftführung:
Der Berufsinteressierte unterliegt der wöchentlichen Berichtsheftpflicht der die Tätigkeiten die geleistet wurden zu entnehmen sind. Dies dient der Qualitätskontrolle und der Nachweisführung des Berufsbezuges.
Arbeitskleidung-/Sicherheitsausstattung:
Dem Berufsinteressierten steht dieselbe Arbeitskleidungs- und Sicherheitsausstattung (z.B. Sicherheitsschuhe, Sicherheitshandschuhe, Atemschutzmaske. Etc.) wie einem regulären Auszubildenden zu. Die Ansprüche ergeben sich im Einzelnen aus den gültigen berufsspezifischen Arbeitsschutzvorschriften.
Umsetzungskonzeption:
Die Kreishandwerkerschaft Böblingen setzt zur Einführung und Betreuung des Objekts in der Pilotphase von 2 Jahren, eine Mitarbeiterkapazität (MAK) mit dem Faktor von 0,80 MAK ein. Die Ehrenamtstätigen der Innungen unterstützen personell die Maßnahme.
Bewerbung und Multiplikatoren (Öffentlichkeitsarbeit):
Die regionale Geschäftsstelle (Böblingen) der Agentur für Arbeit fungiert bei diesem Projekt unterstützend als Drehscheibe am Arbeitsmarkt und hilft bei der Vermittlung der freien Praktikums- und Ausbildungsplätze.
Die Institutionen des Handwerks (HWK-Region Stuttgart, Kreishandwerkerschaften der Region Stuttgart mit deren Innungen) fungieren als informative Plattformen im Zuge der Bewerbung des Pilotprojektes. Die HWK Region Stuttgart informiert die Ausbildungsbetriebe die im Landkreis Böblingen beheimatet sind über das Pilotprojekt. Die Kreishandwerkerschaften der Region Stuttgart informieren die Unternehmen die im Landkreis Böblingen beheimatet sind, der Innungssitz aber nicht im Landkreis Böblingen ist, über das Pilotprojekt.
Gewerbe- und Handelsvereine informieren deren Mitgliedsunternehmen über das Pilotprojekt.
Kommunen (Landkreis, Städte und Gemeinden und deren Wirtschaftsförderungen) informieren die in Städten und Gemeinden beheimateten Unternehmen über das Pilotprojekt.
Das Schulamt Böblingen informiert Lehrkräfte und Elternvertreter über das Pilotprojekt.
Die Kreishandwerkerschaft Böblingen nimmt zusammen mit der Handwerkskammer Region Stuttgart an Berufsinfotagen und Berufsinformationsmessen teil und informiert über das Pilotprojekt. Im Jahr 2025 sind wir im September zunächst bei der Messe Traumjob des Röhm-Verlags zum Tag des Handwerks, im Oktober bei der Interkom in Renningen und der IBIS in Holzgerlingen. Für das Jahr 2026 sind in Summe vier Berufsinfotage und/oder Berufsinformationsmessen geplant. Der Berufsinfotag Herrenberg, die Traumjob, die Interkom und die IBIS.
Die Kreishandwerkerschaft Böblingen informiert über den lokalen Journalismus zum Pilotprojekt.
Die Kreishandwerkerschaft Böblingen informiert über digitale Medien zum Pilotprojekt.
Die Kreishandwerkerschaft Böblingen gibt ein Interview bei Regio-TV am Standort Böblingen.
Unternehmerdatenbank und Zulassung:
Von Seiten der Kreishandwerkerschaft erfolgt die Erstellung einer Unternehmensdatenbank, in der die Praktikumsanbieter, in moderner Gestaltung, auf einer Website gelistet werden. Die Website ist so konzipiert, dass sie baden-württembergweit, über die jeweiligen Landkreise oder Kammergebiete, betreut/gepflegt werden kann. Eine Volltextsuche ist integriert.
Ausbildungseingnungszulassung:
Es werden nur Betriebe zugelassen, die eine Ausbildungseignung nachweisen können. Hierzu gehören Ausbilder die z.B. eine Ausbildereignungsprüfung oder einen Meistertitel nachweisen können.
Finanzierung und Kostenerstattungspauschalen:
Die Finanzierung der Gesamtkonzeption steht auf mehreren Säulen. Hierzu gehören Fördergelder (siehe separate Rubrik) aber auch die Eigenbeteiligung der Wirtschaft.
Konzeptionsfreigabe:
Es gibt keinen Markenschutz und das Projekt ist zur eigenverantwortlichen Nachahmung freigegeben. Gewährleistungsansprüche können nicht gestellt werden.
Förderhinweis
Das Projekt wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg finanziell gefördert.
Die Zuwendung wird finanziert aus Landesmitteln, die der Landtag Baden-Württemberg beschlossen hat.
Schlusswort
Der Übergang von der Schule ins Berufsleben stellt immer mehr eine komplexe Herausforderung dar, die nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Auswirkungen hat. Mit dem Pilotprojekt FJ BOdual haben wir einen innovativen Ansatz entwickelt, um jungen Menschen bei der Berufsorientierung zu unterstützen. FJ BOdual ermöglicht eine variable Berufsorientierung indem Berufsinteressierte den Einblick in verschiedene Berufsfelder erhalten und hierbei ihre persönlichen Stärken und Interessen entdecken können. Durch diese praktische Erfahrung sollen künftig nicht nur Ausbildungsabbrüche minimiert, sondern auch neue Perspektiven für Ausbildungs- und Studienabbrecher geschaffen werden.
Kontakt
Thomas Wagner - Geschäftsführer
Schönaicher-Straße 18
71032 Böblingen
Tel: 07031 76319-43
Fax: 07031 76319-59
E-Mail: thomas.wagner@kh-boeblingen.de



