„Berufsorientierung ist eines unseres dringlichsten Hauptgeschäftsfelder“

Das Handwerk ist der vielseitigste Wirtschaftsbereich Deutschlands und bildet mit seinen kleinen und mittleren Betrieben ein Kernstück der deutschen Wirtschaft. Das wird auch beim Blick auf diese imposanten Zahlen deutlich: Über 100 Milliarden Euro Umsatz, rund 805000 Beschäftigte und 48000 Auszubildende – das sind nicht etwa die Daten eines internationalen Großunternehmens, sondern die des baden-württembergischen Handwerks.

Zahlen, die das Handwerk in den Stand einer über das gesamte Land verteilten Wirtschaftsmacht erheben. Der Meisterbrief ist ein Garant für Qualität und damit Verbraucherschutz. Und sichert das Ausbildungswesen im Handwerk in seiner heutigen Form. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) werden 95 Prozent aller Handwerks-Azubis in Gewerken mit Meisterzwang ausgebildet. Der Meisterbrief ist der Türöffner für erfolgreiches Unternehmertum.

 

Daniel Krauter - Wirtschaftsjournalist / Röhm Verlag

 

SZ/BZ-Interview mit Thomas Wagner, Geschäftsführer Kreishandwerkerschaft Böblingen.

„Das Handwerk hat goldenen Boden“: Gilt dieser Leitspruch heute auch noch?

Thomas Wagner: „Mit wieder steigender Tendenz. Eine Karriere im Handwerk ist attraktiv und wertig. Sie bietet zahlreiche Vorteile – sowohl auf persönlicher als auch auf beruflicher Ebene. Handwerkliche Berufe sind essenziell, selbst in Krisenzeiten werden zumeist dringend Fachkräfte gesucht und sie sind nicht einfach einmal durch die Digitalisierung als auch Automatisierung zu ersetzen. Das Handwerk  selbst  bietet  abwechslungs- reiche Aufgaben und oftmals auch die Möglichkeit, kreative Lösungen zu entwickeln. Am Ende des Tages sieht man zumeist das Ergebnis der eigenen Arbeit, was sehr erfüllend sein kann. Viele Beru- fe kombinieren mittlerweile traditionelle Techniken mit modernen Technologien. Eine Karriere im Handwerk ist also besonders attraktiv für Menschen, die gerne praktisch arbeiten, Wert auf Sicherheit und Eigenständigkeit legen und Freude an  sichtbaren  Ergebnissen  haben. Das Handwerk ist eine der wichtigen Säule der Wirtschaft mit soliden Zukunftsperspektiven. Die Arbeitsplatzgarantie ist also gut und die Gehaltsausstattung kann es mittlerweile mit sehr vielen Berufen aufnehmen.“

Nach der Gesellenprüfung noch den Meistertitel zu machen, bringt viele Vorteile mit sich. Welche?

Thomas Wagner: „Da steht nicht nur der Meister  im  Weiterbildungsfokus:  Nach der Ausbildung gibt es ein breites Portfolio  an  Weiterbildungsmöglichkeiten. Neben dem Meister kann das auch der Techniker oder Betriebswirt des Handwerks sein. Selbst Studiengänge werden angeboten. Das Weiterbildungsangebot des Handwerks bringt zahlreiche Vorteile – sowohl finanziell als auch karrieretechnisch. Er ermöglicht bessere Verdienstmöglichkeiten,  eröffnet Wege in  die Selbstständigkeit und bietet eine hohe Arbeitsplatzsicherheit. Wer langfristig im Handwerk erfolgreich sein möchte, profitiert stark vom Weiterbildungsportfolio. Es gibt übrigens finanzielle Förderungen wie z.B. das Aufstiegs-BAföG.“

Im Handwerk gibt es rund 130 verschiedene  Ausbildungsberufe.  Viele  junge  Menschen  stehen vor  der Frage: „Welches Handwerk passt zu mir?“. Wo finden Schulabgänger Hilfestellungen?

Thomas Wagner: „Das  Informationsportfolio  ist  groß.  Fangen wir mal mit den regionalen über das Jahr verteilten Berufsinformationstagen und  Ausbildungsmessen an. Ebenso die Aktionstage Girls- und Boys-Day. Dann das persönliche  Beraterangebot  der  Handwerks- kammern, Innungen und der Agentur für Arbeit sowie die digitalen Medien. Neben Social Media, sind das Plattformen wie Move vom Landkreis Böblingen, der Lehrstellenradar der Handwerkskammer Region Stuttgart, Azubi-TV via You-Tube und nicht zu vergessen unser „Crafty“. Seit dem letzten Jahr ist bei uns auf der Website ein virtueller Mitarbeiter nutzbar der mitunter breit gefächert über das Thema Aus- und Weiterbildung im Handwerk informiert.“ Mit am Wichtigsten bei der Berufswahl sind jedoch die Praktika- und Schnuppertage die es natürlich auch im Handwerk gibt. Summa summarum kann die Aussage getroffen werden, dass wer sich frühzeitig informiert und praktische Erfahrungen sammelt, am Ende des Berufs- orientierungsprozesses eine fundiertere Entscheidung  für  die  Zukunft  treffen kann.“

Zum Crafty geht es hier.

Im Jahr 2024 wurden zum Stichtag 31.  Oktober  bei  den  Handwerksbetrieben  im  Kreis  Böblingen  im Vergleich  zum Vorjahr  6,9  Prozent mehr neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Welche Berufe sind am stärksten nachgefragt und wo gibt es die größten Probleme?

Thomas Wagner: „Zum   Jahresende konnten wir den Zuwachs im Landkreis sogar  noch  toppen.  Final  gab  es  zum Stichtag 31.12.2024 bei den neu abge- schlossenen Ausbildungsverhältnissen im Handwerk einen Zuwachs von 8,3%. Da liegt der Landkreis weit über dem Landesdurchschnitt und darüber freuen wir uns natürlich. Auf den Lorbeeren ausruhen können und wollen wir uns nicht, denn das kann in einem Jahr wieder ganz anders aussehen. Das Thema Berufsorientierung ist und bleibt momentan eines unserer dringlichsten Hauptgeschäftsfelder. Unter den Top-5 finden sich im Ranking der  Berufe  die  KFZ-Mechatroniker/-in, Anlagenmechaniker/-in  für  SHK,  Elektroniker/-in,  Friseure/-in  und Tischler/- in. Aber  auch  im  Bereich  der  Lebens- mittelbranche  sind  unter  den  Top-10 erfreulicherweise  Berufe  wie  der  Lebensmittelfachverkauf und das Konditorenhandwerk zu finden. Sorgenkinder haben wir allerdings auch. Hierzu gehören vor allem Berufe wie das Glaser-, Maurer- und Stuckateurhandwerk. Stark rückläufi- ge Zahlen verzeichnen wir derzeit leider auch im Metallbauhandwerk.“

Mindestens  125  000  Familienbetriebe  werden  laut  Zentralverband des  Deutschen  Handwerks  (ZDH) in den nächsten fünf Jahren einen Unternehmensnachfolger,  sei  es  in der Familie, in der Belegschaft oder extern, suchen. Was raten Sie diesen Betrieben?

Thomas Wagner:  „Der  Generationenwechsel  in  Familienunternehmen  ist neben  der  Nachwuchsgewinnung  eine der weiteren großen Herausforderungen des  Mittelstands.  Damit  der  Übergang erfolgreich  gelingt,  sollten  die  betroffenen Betriebe bei der Unternehmensnachfolgeregelung  möglichst  frühzeitig mit der Nachfolgersuche beginnen. Zur  Festlegung  der  Nachfolgestrategie bedarf es der Fokussierung von vielen Themen.  Hierzu  gehören  die  finanzielle und steuerliche Optimierung, die Finanzierung, die rechtliche Absicherung, die Sicherstellung des Wissenstransfers emotionale Aspekte und vieles mehr. Ein klarer Zeitplan ist in der Übergangsphase hilfreich und die Hinzuziehung von externen Beratern ist unerlässlich. Hierzu gehören die Finanz- und Steuerberater aber auch die Fachexperten der Handwerkskammern und Branchenverbände. Ein  durchdachter  Nachfolgeprozess  sichert  nicht  nur  das  Fortbestehen  des Unternehmens,  sondern  schützt  auch Arbeitsplätze  und  bewahrt  den  Unternehmenswert für die Zukunft.

Auch im Bereich der Digitalisierung hat sich im Handwerk in den letzten Jahren einiges getan. Was sind die   wichtigsten   Förderprogramme für Handwerksbetriebe aus den Bereichen  Innovation  und  Digitalisierung?

Thomas Wagner:  „Im  Bereich  Innovation  und  Digitalisierung  bietet  unsere zuständige  Handwerkskammer  Region Stuttgart mit seinem Beraterteam Tho- mas  Gebhardt  und Alexander  Schwarz einen sehr guten Service und informiert zu  den  wichtigsten  Förderprogrammen für Handwerksbetriebe. Sie klären Interessierte fachkundig darüber auf, wer und was gefördert wird, wie die Antragstellung abläuft und wie hoch die möglichen Zuschüsse sind. Zu den wichtigsten Programmen zählen derzeit die „Digitalisierungsprämie Plus“, der  „ERP-Digitalisierungs-  und  Innovationskredit“, das Programm „go-inno“, der „Innovationsgutschein“, die „Innovationsfinanzierung 4.0“ und die „Intensivberatung für das Handwerk“.

Zu den wichtigsten Förderprogrammen geht es hier.

Die  Kreishandwerkerschaft  Böblin- gen ist bei der Digitalisierung vorne mit dabei. Stichwort: „ReDiKo“ - Kooperation mit dem Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade in Rutesheim. Was bringt diese Kooperation mit sich?

Thomas Wagner: „Hinter „ReDiKo“ verbirgt sich die Regionale und Digitale Ko- operation im Handwerk. Die Kreishandwerkerschaft Böblingen kooperiert hierbei mit dem Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade sowie den Unter- nehmen S3-Medien und Clever group. Dieses vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg geförderte Projekt zielt darauf ab, ein regionales Informations-  und  Beratungsangebot  für  kleine und mittlere Handwerksbetriebe zu schaffen und ein breit gefächertes Weiterbildungsportfolio im Bereich der Digitalisierung  anzubieten.  Das  Angebot erstreckt sich im Seminarwesen von den Grundlagen der Digitalisierung oder der Umsetzung der E-Rechnung bis hin zu ganz- und mehrtägigen Bauforensik- und 3-D-Workshops. Der Digital Hub „ReDiKo“ bietet also Einstiegs- als auch Fortgeschrittenenformate an.“

Zum Digitla-Hub ReDiKo geht es hier.

Quelle: Magazin "Wir sind Meister" - Röhm-Verlag