Von Daniel Krauter - Sindelfinger Zeitung / Böblingter Zeitung
KREIS BÖBLINGEN. Fachkräftemangel, Materialengpässe, Energiekrise: Für die Unternehmen kommt es aktuell knüppeldick. Darüber sprach die SZ/BZ mit Marion Oker, Leitende Geschäftsführerin IHK-Bezirkskammer Böblingen und Thomas Wagner, Geschäftsführer Kreishandwerkerschaft Böblingen.
Wie ist die aktuelle Situation der Betriebe vor dem Hintergrund der Energiekrise?
Marion Oker: „Nahezu alle Branchen sind von den dramatischen Preissteigerungen bei Strom, Gas und Kraftstoffen betroffen. Vor allem in den energieintensiven Branchen ist die Situation dramatisch. Unternehmen, die unverschuldet in wirtschaftliche Schieflage geraten sind - sei es durch hohe Energiepreise oder durch gekündigte Versorgungsverträge - müssen unbedingt kurzfristig unterstützt werden. Maßnahmen, die die Politik ergreift, um die Lage zu entspannen, werden seitens der betroffenen Betriebe sehr begrüßt.“
Thomas Wagner: „Ja, die Situation ist wirklich besorgniserregend. Laut einer aktuellen Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) berichten 83 Prozent der Handwerksbetriebe von einem Anstieg ihrer Energiekosten seit dem Jahresbeginn 2022 (im Mittel um 64 Prozent). Von mindestens einer Verdopplung ihrer Energiekosten berichten immerhin 7 Prozent der Energiepreisanstiege meldenden Handwerksbetriebe – in der Spitze verneunfachten sich die Energiekosten dieser Betriebe.“
„Nach über zwei Jahren Corona-Pandemie sind die Rücklagen bei vielen aufgebraucht“.
Welche Branchen sind besonders betroffen?
Thomas Wagner: „Bäcker, Konditoren, Metzger, Brauer, Galvaniseure, Oberflächenveredler, Textilreiniger, Metallbauer und Kfz-Werkstätten sowie das produzierende Handwerk. Und was noch hinzukommt: Nach über zwei Jahren Corona-Pandemie sind die Rücklagen bei vielen aufgebraucht.“
Nicht nur die Energiekrise drückt auf die Stimmung, oder?
Marion Oker: „Immer deutlicher zeigen sich die Auswirkungen, der von der Energiepreis entwicklung getriebenen Inflation und die Reaktionen darauf, wie das gestiegene Zinsniveau. Störungen in der Lieferkette und Logistik als Folge des Ukraine-Krieges sind ein großes Problem. Vor allem die Industriebetriebe stehen derzeit von zwei Seiten unter
Druck: Sie bekommen selbst weniger Vorprodukte oder nur zu sehr hohen Preisen. Zugleich können sie die Kostensteigerungen nur teilweise an ihre Kunden weitergeben und selbst wegen der Verzögerungen in der eigenen Lieferkette immer schlechter liefern. Dies spiegeln die Unternehmen uns auch in der aktuellen Herbst-Umfrage der IHK-Bezirkskammer Böblingen wider.“
Thomas Wagner: „Bereits im September meldete jeder fünfte Handwerksbetrieb Liquiditätsengpässe. Gestörte Lieferketten und gestiegene Beschaffungspreise stellen die Betriebe vor große Herausforderungen. Daraus resultierend sind bestehende Aufträge für die Betriebe unwirtschaftlich, und es kommt zu Verzögerungen bei der Erfüllung von Aufträgen der gar Auftragsstornierungen.“
Zu den allseits bekannten Problemen kommt noch der Fachkräftemangel.
Marion Oker: „Ja, die hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen im Kreis Böblingen beruht vor allem auf ihrem qualifizierten Fachpersonal. Und diese Wettbewerbsfähigkeit ist zunehmend gefährdet. Eine ausreichende Verfügbarkeit von Fachkräften auf allen Qualifikationsstufen ist für eine dauerhafte wirtschaftliche Stärke entscheidend. Die Politik ist somit gefordert, die Rahmenbedingungen für die Erschließung zusätzlicher Fachkräftepotenziale zu optimieren.
„43 Prozent der Firmen erwarten eine weitere Verschlechterung“
Dazu zählt auch die Stärkung des dualen Systems, für das wir im Ausland beneidet werden. Ein Wechsel in der Einwanderungspolitik hin zu einer Willkommenskultur für qualifizierte ausländische Fachkräfte sehen viele Unternehmen als unverzichtbar. Um für die duale Ausbildung zu werben gehen wir gezielt mit unseren Ausbildungsbotschaftern an die Schulen. 2022 gab es bisher 93 Schuleinsätze. Dadurch erreichten wir über 2100 Schülerinnen und Schüler. 106 neue Botschafterinnen und Botschafter wurden in diesem Jahr geschult.“
Thomas Wagner: „Auch wir als Kreishandwerkerschaft machen gezielt an den Schulen Werbung für eine Ausbildung im Handwerk. Alleine in der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Region Stuttgart sind noch weit über 400 freie Ausbildungsstellen aufgeführt. Wir stehen auf dem Arbeitsmarkt vor gigantischen Herausforderungen. Der akute Fachkräftemangel gefährdet die Zukunft und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.“
Welche Lösungsvorschläge haben Sie Herr Wagner?
Thomas Wagner: „Ich plädiere für eine strategische Transformation der Bildungs- und Arbeitswelt. Nur mit ausreichend beruflich qualifizierten Fachkräften können die Potenziale unseres Landes realisiert und die Transformationsprozesse umgesetzt werden. Auch das Thema Berufsorientierung muss vielseitiger bespielt und gefördert werden. Wir als Kreishandwerkerschaft machen uns für eine Behebung des Ungleichgewichts in der finanziellen Ausstattung von beruflichen Ausbildungsstätten stark. Zwingend ist auch eine Entbürokratisierung der Zuwanderung.“
Und die Aussichten sind auch nicht gerade positiv, oder?
Thomas Wagner: „Ja, leider. Die demografische Entwicklung macht auch vor dem Handwerk nicht Halt und viele Firmeninhaber gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Diese Zahlen sind leider sehr beunruhigend: Jeder 4. Betriebsinhaber im Handwerk ist über 60 Jahre alt. In den kommenden 5 Jahren stehen bundesweit bis zu 125 000
Handwerksbetriebe zur Übergabe an einen Nachfolger an. 11 Prozent der Betriebe schließen in den nächsten 5 Jahren. 22 Prozent der Betriebe planen die Übergabe in den nächsten 5 Jahren. Hier sind Herausforderungen gegeben, denen man sich im Wesentlichen stärker stellen muss.“
Marion Oker: „Auch bei den Mitgliedsbetrieben der IHK-Bezirkskammer Böblingen überwiegt der Pessimismus beim Blick in die Zukunft. 43 Prozent erwarten laut Herbstumfrage eine weitere Verschlechterung der Lage. Dieser Pessimismus zieht sich durch alle Branchen. Lediglich im Dienstleistungssektor ist der Ausblick leicht über dem Niveau. Sucht man trotz der düsteren Aussichten nach einem Silberstreif, dann ist dies der noch stabile Arbeitsmarkt im Kreis Böblingen.“
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