Kreis Böblingen: Das Handwerk ringt um Anerkennung

Beim Forum der Kreishandwerkerschaft zum Tag des Handwerks wird in Böblingen nicht mit Kritik an der Politik gespart. Es gibt aber auch Lob für die hiesigen Politiker.

 

Quelle: Peter Friedrich

Das Handwerk ringt nach wie vor um öffentliche Anerkennung. Das scheint auch nötig zu sein. So berichtete auf dem Forum, das die Kreishandwerkerschaft Böblingen am Samstag anlässlich des Tags des Handwerks eingerichtet hatte, deren Geschäftsführer Thomas Wagner von einer Laus, die ihm in Sindelfingen über die Leber gelaufen ist. Da bot ein Ladengeschäft Rabatte für Studenten an. „Wahrscheinlich gilt das auch für Azubis, aber warum schreiben die das dann nicht hin. Da wird unsere duale Ausbildung wieder einmal einfach vergessen“, ärgert sich Wagner.

Das sei ein Problem in Politik und Gesellschaft, sind sich Thomas Wagner und Kreishandwerksmeister Wolfgang Gastel einig. Ein Trost ist für die beiden Glasermeister: Bei den Politikern aus dem Kreis Böblingen müssen sie sich weder darüber noch über mangelnde Transparenz beschweren. „Sie sind da, wenn wir sie brauchen, und sie halten ihre Zusagen ein“, sagt Gastel. Ablesbar war dies an der Teilnahme am Handwerkerforum, das in Böblingen wechselweise im Fleischermuseum und im Treff am See abgehalten wurde. Dabei waren aus dem Bundestag Marc Biadacz (CDU) und Tobias Bacherle (Grüne) sowie aus dem Landtag Umweltministerin Thekla Walker und Peter Seimer (beide Grüne), Dr. Matthias Miller (CDU), Florian Wahl (SPD) und Hans Dieter Scheerer (FDP).

Das Politikgeschäft sei wie die Wanderung, die er im Urlaub mit seiner Frau gemacht habe, sagte Wolfgang Gastel; in 17 Tagen von Pforzheim nach Kempten. Theoretisch seien das 311 Kilometer, gewandert seien sie dann 350, „denn unterwegs gibt es viel Kreuzungen, an denen man Entscheidungen treffen muss, und wenn man merkt, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat, dann muss man eben umkehren, denn das Ziel muss das Ziel bleiben“. Das gelte auch für die Politik.

Herausfordernde Zeiten

Thekla Walker sagte den Handwerkern direkt: „Wir haben häufig miteinander zu tun. Das ist ein gutes Zeichen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind.“ Herausfordernd seien die Zeiten immer und Krisen keineswegs die großen Ausnahmen, auch wenn zuletzt mit Pandemie, Krieg, teurer Energie, hohen Zinsen und einem Zusammenbruch des Baugeschäfts viel zusammengekommen sei. In ihrem Ressort Energie und Umwelt, räumte die Ministerin unumwunden ein, komme dem Handwerk eine besondere Rolle zu: „Ohne das Handwerk wird es keine Energiewende geben.“

Es sei aber wichtig, den Wandel mehr als Aufbruch zu erzählen, denn schließlich seien auch die Chancen größer als die Risiken, vor allem für das Handwerk: „Da ist der Wandel ein gigantisches Konjunkturprogramm.“ Sie räumte aber ein, dass noch ein paar Hindernisse beseitigt werden müssen, damit dieses in Schwung kommt. Sie zählte dabei nicht nur Bürokratie und Fachkräftemangel auf, sondern auch die Unsicherheit in der Bevölkerung: „Was gilt jetzt?“ Hier wolle das Ministerium zusammen mit dem Handwerk und den Energieagenturen mit einer Veranstaltungsreihe aufklären.´

Beim Fachkräftemangel gäbe es zwar für das Klimagewerbe in Baden-Württemberg einen kleinen Lichtblick, denn in diesem Jahr wurden elf Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im letzten, aber für eine generelle Entwarnung reiche das bei Weitem nicht. Wenn jährlich deutschlandweit 400 000 Fachkräfte in Rente gehen, „werden wir den Ausgleich über die Ausbildung nicht schaffen“. In Deutschland müsse man das Abschreckungsszenario aufgeben und dringend eine Willkommenskultur entwickeln, forderte die Ministerin. Sich mit dem Thema auseinander zu setzen und um eine gute Lösung zu ringen, sei in Ordnung, unterstrich Thekla Walker: „Aber wer anderer Meinung ist, ist nicht gleich der Gegner oder der Feind.“

Von Karlheinz Reichert: Sonntag, 17. September 2023

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