Wenn wir so weiter machen, geht auch im Handwerk bei vielen das Licht aus

Zeigte sich das Handwerk in vielen Gewerken trotz erheblicher Umsatzrückgänge in der Corona-Krise ausgesprochen robust - so wird es ohne eine wesentliche Kursänderung in der Wirtschaftspolitik nicht ausbleiben, dass auch die solide Säule des Handwerks dieses Mal wanken wird. Auch wenn von Seiten der Politik die ersten Signale in Sachen Hilfsprogramme kommuniziert werden, so steht die genaue Definition der Kriterien noch aus.

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In den beiden letzten Jahren führte vor allem der pandemiebedingte Materialmangel und weltweite Hamsterkäufe zu unterbrochenen Lieferketten und somit zu steigenden Materialbeschaffungskosten. In diesem Jahr kämpft man in den Handwerksbranchen wie überall zusätzlich mit kriegs- und sanktionsbedingten rasant steigenden Preisen für Strom, Gas, Heiz- und Treibstoffe, welche zunehmend zu einer ernsten Gefahr für die Unternehmen und deren Mitarbeiter im „Gesamthandwerk“ werden. Ein Ende ist leider noch nicht in Sicht - sowohl bei den steigenden Energiepreisen als auch bei der Sanktionspolitik.

Peter Haas – Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstages berichtete dieser Tage, dass gemäß Umfragen eine deutliche Mehrheit von gut 60 Prozent der Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg mittlerweile von Umsatzausfällen betroffen sind, die direkt oder indirekt auf den Ukraine-Krieg zurückzuführen sind. Im Mittel seien etwa 17 Prozent des erwarteten Umsatzes in diesem Kalenderjahr verloren gegangen – heißt, es. Als Gründe werden eine Kaufzurückhaltung der Konsumenten, Auftragsstornierungen infolge gestiegener Beschaffungs- und Energiekosten sowie Einschränkungen bei der Produktion infolge gestiegener Beschaffungs- und Energiepreise genannt.

Die horrenden Energiepreise treffen die Handwerksunternehmen bis ins Mark. Insbesondere sind neben der handwerklichen Lebensmittelbranche energieintensive Gewerke betroffen, bei denen eine Produktion dahintersteht. Wenn Maschinen und Öfen laufen, funktioniert das nicht ausnahmslos über den Einsatz einer vor Ort installierten erneuerbaren Energieproduktion. Die bei den Bäckern und Metzgern beispielhaft sich im Einsatz befindenden Heißluft-Umwälzöfen, Heizgas-Umwälzöfen oder Dampfbacköfen lassen sich mit einer eigenen Photovoltaikanlage alleine nicht betreiben. Dazu braucht es selbst bei ökologisch gut aufgestellten Unternehmen ergänzend noch den Strom aus der Steckdose oder eben das Gas über die Pipeline zum Betriebsgelände. Bei beiden Energieeinkaufsvarianten ist der Preis ins Unermessliche gestiegen und kann dauerhaft von den Unternehmen nicht getragen werden.

Die Rentabilität der Unternehmen leidet teilweise massiv und das geht soweit, dass trotz voller Auftragsbu?cher Unternehmen Verluste verbuchen und verkraften müssen. Mittlerweile ist ein Fünftel der Handwerksunternehmen in unterschiedlichsten Branchen in Liquiditätsnöten. Bei 90% der Betriebe sind zusätzlich noch die Lieferketten gestört und die Weitergabe der Mehrkosten an den Endkunden ist stark eingeschränkt und teilweise sogar gar nicht möglich.

Von unternehmerischer Seite entstand in den letzten Wochen der Eindruck, dass man die Risiken einer drohenden großen Insolvenzwelle beim handwerklichen Mittelstand nicht erkannt hat. Und hinter jeder Insolvenz eines Unternehmens stehen gefährdete Arbeitsplätze, somit auch Privatinsolvenzen und daraus resultierend verminderte Steuereinnahmen, gilt es zu bedenken.

Insofern darf es nicht verwundern, dass man sich von Seiten der Handwerksunternehmen und Innungen bis zuletzt von der Politik im Stich gelassen fühlte. Während systemrelevanten Industrieunternehmen unbürokratisch und schnell geholfen wurde, sieht das im Handwerk - trotz aller Brisanz – bislang noch anders aus und das obwohl im Handwerk im systemrelevanten Bereich produziert wird. Zu den systemrelevanten Unternehmen gehören mitunter die Unternehmen der Grund- und Lebensmittelversorgung. Zur Lebensmittelversorgung tragen von Seiten des Handwerks das Bäcker-, Müller- und Metzgerhandwerk bei. Es ist deshalb höchste Zeit, dass das Handwerk bei den Hilfen aus Berlin jetzt auch berücksichtigt werden soll. Hier muss die Politik aber auf das Tempo drücken und darf keine Fehler machen, denn wenn von diesen Unternehmen künftig viele fehlen sollten, muss man das durchaus als systemrelevant betrachten.

Neben den Handwerksbranchen mit besonders hohem Energiebedarf müssen auch andere Wirtschaftszweige unterstützt werden, bei denen die Kostensteigerungen in Vorprodukten (z.B. Getreide, Baustoffe, technische Gase etc.) stark zuschlagen. Eine Strom- und Gaspreisbremse wäre ein möglicher wenn auch teurer Ansatz - stellt bei genauerer Betrachtung aber eine der fairsten Verteilungsmöglichkeiten von Unterstützungsmitteln dar. Besser wie jedes Individualprogramm – denn es partizipiert jeder. Unsere europäischen Nachbarn machen es uns im Übrigen teilweise schon vor.

Wenn die Energiepreise so bleiben wie sie sind bzw. wie sie vor prognostiziert werden, geht in vielen Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen das Licht aus. Wenn das Licht einmal aus ist, geht es nicht einfach wieder an. Das muss uns allen bewusst sein.